Titelthema
Chaos im Kopf – Über die Schwierigkeit, im Leben Entscheidungen zu treffen
Jeden Tag treffen wir unzählige Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen. Manche davon im Bruchteil weniger Sekunden. Esse ich die Tafel Schokolade obwohl ich weiß, dass sie dick macht oder lasse ich es bleiben? Nehme ich die schwarzen oder die weißen Socken? Und heute Abend? Feiern oder für die nächste Klausur büffeln? Schlimmer noch, der Besuch im Supermarkt. Kilometerlange Regale, die sich vor einem auftürmen, einen anlocken und Entscheidung fordern. Wer soll da bitte den Überblick behalten? Bei zehn verschiedenen Buttersorten zum Beispiel: Margarine, ohne Fett, von glücklichen oder unglücklichen Kühen, hervorragend zum Backen oder mit den Supergewinnpunkten für den neuen -setze Automarke deiner Wahl-.
Dass die Butter dabei lediglich zum Einfetten der Kuchenform verwendet wird, spielt keine Rolle mehr.
Das Überangebot der buntblinkenden Konsumlandschaft vernebelt die Sicht und wo der Kunde zu Entscheidungsmüdigkeit neigt, da setzt die Werbung ein. Und warum auch nicht? Gerne lässt man sich die eine oder andere Entscheidung abnehmen, wenn später sowieso noch zahlreiche weitere auf einen warten.
Nie zuvor konnte der Mensch so viel entscheiden wie heute. Doch auch wenn dies eine scheinbar unendliche Freiheit suggeriert, so macht es die Menschen nicht wirklich glücklicher.
Nicht wenige wünschen sich zurück, in frühere Zeiten in denen man einfach weniger hatte, sich einschränken musste, aber dafür auf das Wesentliche besinnen konnte.
Aber es sind längst nicht nur die kleinen Entscheidungen, die täglich ihren Tribut an Zeit und Nerv fordern. In einer Welt, die sich so schnell dreht, in der sich alles verändert und die Menschen eher rennen als durchs Leben zu gehen, sind es oftmals die Lebensumstände die Entscheidungen erfordern.

Mit dem Abitur drängen sich Entscheidungen auf. Foto: Dorothea Wagner/jugendmedien.de
So ist die Frage: „Und, was machst du so nach dem Abitur?“ zur Nummer Eins unter den nervigsten Unterhaltungsfüllern aufgestiegen, dicht gefolgt von dem Ausruf „Was? Du hast dich noch nirgends beworben?!“. Das nervt, weil es die Konfrontation mit einer der wichtigsten Entscheidungen im Leben eines Abiturienten bedeutet.
Und die würde man doch so gerne noch eine Weile aufschieben. Noch ein paar sorgenfreie Tage genießen. Aber langsam wird es eng. Jetzt wollen nicht nur die Eltern wissen, warum der Masterplan nach dem Abi noch nicht steht, auch im Freundeskreis wird ständig diskutiert, hinterfragt, abgeraten. Und man selbst verwirft Studiengang um Studiengang. Dabei stehen einem jetzt doch angeblich alle Türen offen. Aber auch hier macht „die große Freiheit“ nur im seltensten der Fälle glücklich.
Neben der Kenntnis über den Aufbau der Biomembran, der Berechnung von Koordinatengleichung diverser Ebenen im Raum oder dem Aufstellen von Redoxreaktionen verschiedenster Stoffe, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, wurde in der Schule leider nicht vermittelt.
Leicht bekommt man das Gefühl, das Leben bestünde aus einem endlosen Umherirren in einem Universum voller Möglichkeiten.
Die Tage, in denen man noch über das spätere Leben, den Traumstudiengang oder den Traumberuf fantasierte, den letzten Schultag herbeisehnte und sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als diesem ewigen Hamsterrad von Schule, Hausaufgaben, Lernen und wieder Schule zu entrinnen, sind gezählt. Was einmal so verdammt weit weg erschien, steht plötzlich vor einem und man wundert sich noch wo zur Hölle denn die Zeit geblieben ist.
Auf einmal beneidet man die Jüngeren, die noch Jahre ihres unbeschwerten Daseins genießen, sich keine Sorgen machen und vor allem keine schwerwiegenden Entscheidungen treffen müssen.
Man selbst aber wird herausgerissen aus dem Trott der letzten 13 Jahre, die vor allem eins bedeuteten: ein Leben, das von morgens bis abends geregelt erscheint. Nun aber soll man sich aufmachen in die unbekannte, weite Welt, von der man weder weiß, was sie für einen bereithält, noch was sie von einem fordern wird.
Eine Tür schließt sich und das nicht etwa ganz langsam und leise, sondern mit einem gewaltigen Krach. Selbst wenn man wollte, ein Zurück gibt es nicht mehr.
Das mag einem auf den ersten Blick wie ein großes Abenteuer erscheinen. Was aber, wenn man abends im Bett liegt, starr vor Schreck, weil da so viel auf einen zukommt, vor dem man sich fürchtet? Was, wenn man sich nicht bereit fühlt für all die neue Verantwortung und die Konsequenzen, welche getroffene Entscheidungen mit sich bringen? Nicht bereit ist, sich hineinzubegeben in dieses gewaltige Mühlrad, das sich Leben nennt.
Kann man einfach stehen bleiben, sich verstecken? Sich festklammern an dem letzten Stückchen Kindheit, das man um keinen Preis verloren geben mag?
Oder sollte man sich freuen, über den letzten Schultag, gerade weil es nach den vielen Jahren endlich der letzte ist?
Und sollte man nicht froh sein nach all der Zeit des geregelten Daseins, endlich selbst entscheiden zu dürfen? Nicht nur über das, was aus einem werden soll, sondern was man selbst für sinnvoll, lernens- oder erstrebenswert hält.
Und was bringt es schon, sich zu scheuen, die Entscheidungen, die für die Zukunft gefällt werden müssen, zu verdrängen? Die Alternative wäre ein Leben, in dem andere für uns entscheiden.
Und letzten Endes bereuen wir keine Entscheidung mehr, als die, die wir nicht getroffen haben. Die Herausforderung, der wir uns nicht gestellt oder die Erfahrung die wir nicht gemacht haben. Auch wenn es Angst macht, einen einschüchtert von Zeit zu Zeit, einen zu lähmen droht, so sollte man doch den Kopf oben halten, den Mut haben, sich einzulassen auf neue Situationen und hinaus gehen in die Welt.

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